Das Regelwerk für recycelte Kunststoffe im Lebensmittelkontakt wird strenger. Auf der Verpackungsseite hat die Compliance-Debatte mit dem Inkrafttreten der PPWR am 12. August ihren Höhepunkt erreicht – und verschiebt sich nun zu einer technischeren Frage: Wie belegen Sie, woher eine rPET-Charge stammt und welchen Prozess sie durchlaufen hat?
Revision der EG 2022/1616 steht bevor
Zur Verordnung (EU) 2022/1616, die recycelte Kunststoffmaterialien mit Lebensmittelkontakt regelt, wird derzeit eine Änderung vorbereitet. Der im April 2026 der Welthandelsorganisation notifizierte Entwurf definiert die Anforderungen an die Konformitätserklärung neu, aktualisiert das Verwaltungsmodell des EU-Registers und bringt klarere Zollregeln für importierte Recyclingkunststoffe. Die Annahme wird bis Ende September 2026 erwartet.
Die Kernregel der Verordnung ist bereits eindeutig: In Lebensmittelkontaktanwendungen darf nur recycelter Kunststoff eingesetzt werden, der aus einem von der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) zugelassenen Verfahren stammt. Neu ist, dass diese Zulassung nicht mehr auf dem Papier bleiben darf, sondern beim Import und in der Konformitätserklärung konkret nachgewiesen werden muss.
Was sich für Importeure ändert
Für Hersteller, die Recyclingkunststoff in die EU liefern, steigt der Dokumentationsaufwand an der Zollgrenze. Da der Inhalt der Konformitätserklärung präzisiert wird, genügt „mein Lieferant ist zertifiziert” nicht mehr: Welcher Prozess unter welcher Registrierungsnummer für welche Charge verwendet wurde, muss nachvollziehbar sein.
In der Praxis muss eine belastbare Konformitätserklärung vier Dinge verbinden, die bisher oft in getrennten Akten lagen:
- die Identität des Recyclingprozesses und seinen Eintrag im EU-Register zugelassener Verfahren;
- das EFSA-Gutachten, auf dem die Zulassung beruht, damit die bewertete Dekontaminationsleistung überprüfbar ist;
- die tatsächlich gelieferte Chargennummer, verknüpft mit diesem Prozess und nicht mit dem Werk im Allgemeinen;
- Herkunft und Qualität des Inputs, denn ein zugelassener Prozess mit ungeeignetem Input liefert kein konformes Ergebnis.
Der vierte Punkt ist in den meisten Lieferketten noch dünn – und genau ihn adressiert die zweite Entwicklung.
RecyClass startet Zertifizierung für Sortierprozesse
Auch die unabhängige Zertifizierung weist in dieselbe Richtung. Anfang 2026 veröffentlichte RecyClass eine neue Sortierprozess-Zertifizierung, die die Inputanforderungen für lebensmitteltaugliche Recyclingkunststoffe abdeckt. Sortieranlagen und Abfallhändler, die an der Materialaufbereitung vor dem Recycling beteiligt sind, können sie beantragen.
Damit schließt sich eine Lücke, die in der Branche lange offen war: Selbst wenn der Prozess eines Recyclingwerks zugelassen war, ließ sich oft nicht belegen, wie der dort ankommende Input gesammelt und sortiert wurde. In der Food-Grade-Produktion, wo die Inputqualität direkt die Sicherheit des Outputs bestimmt, war diese Lücke kritisch.
Die Lücke war nicht nur technisch, sondern auch kaufmännisch relevant. Wer Ballen am freien Markt einkauft, übernimmt deren gesamte Sammelhistorie – und diese Historie bestimmt den Anteil an Nicht-Lebensmittelverpackungen, die Restinhalte und das Vorhandensein von Materialien, die nie für Lebensmittelkontakt gedacht waren. Die Zertifizierung der Sortierung macht aus dieser Historie statt einer Annahme einen Nachweis.
Digitaler Produktpass und Blockchain
Die RecyClass-Roadmap 2026–2028 umfasst die Digitalisierung von Zertifikaten, blockchainbasierte Transaktionsaufzeichnungen und die Integration des Digitalen Produktpasses (DPP). Ziel ist mehr Rückverfolgbarkeit in einem regulierungsgetriebenen Markt bei geringerem Verwaltungsaufwand. Praktisch heißt das: Innerhalb weniger Jahre wird die Historie einer rPET-Charge maschinenlesbar mitgeführt.
Wie sich das im Lieferantenaudit zeigt
Am deutlichsten wird die Verschiebung daran, was ein Audit heute verlangt. Vor einigen Jahren reichte in der Regel ein gültiges Zertifikat, um das Thema zu schließen. Heute greift ein Auditor eher eine Lieferung der letzten zwölf Monate heraus und arbeitet rückwärts: Welche Charge war das, welcher Prozess hat sie erzeugt, wie sah der Input in jener Woche aus – und stimmen die Zahlen im Analysenzertifikat mit den Produktionsaufzeichnungen überein?
Solche Fragen kann nur ein Lieferant beantworten, dessen Aufzeichnungen von vornherein rückwärts lesbar angelegt sind. Das ist eine andere Disziplin als das Sammeln von Zertifikaten – und der Grund, warum Dokumentation zu einem eigenständigen Einkaufskriterium wird und nicht länger eine Formalie nach der kaufmännischen Einigung ist.
Die praktische Konsequenz für Markeninhaber
Diese drei Entwicklungen zeigen in dieselbe Richtung: Die Daten hinter einem Zertifikat werden ebenso wichtig wie das Zertifikat selbst. Für eine Marke, die in den EU-Markt verkauft, ändern sich die Fragen in der Lieferantenbewertung:
- Ist der Produktionsprozess EFSA-zugelassen und kann die Registrierungsnummer geteilt werden?
- Lässt sich der Sortierprozess auf der Inputseite dokumentieren?
- Werden Reinheit, Farbe und Fremdanteile chargenweise berichtet?
- Ist der Lieferant auf digitale Rückverfolgbarkeit wie den DPP vorbereitet?
Eine Lieferkette, die diese Fragen heute nicht beantworten kann, wird bei den ab 2030 geltenden Mindestquoten für Rezyklatanteile Schwierigkeiten bekommen.
Der Zeitplan, den man im Blick behalten sollte
Drei Daten rahmen die nächsten Jahre. Die Änderung der 2022/1616 wurde im April 2026 der WTO notifiziert und soll bis Ende September 2026 angenommen werden. Die PPWR gilt seit dem 12. August 2026 und macht aus dem Rezyklatanteil eine regulierte Anforderung statt einer freiwilligen Aussage. Und 2030 bringt die Mindestquoten, gegen die jede heutige Verpackungsentscheidung faktisch geplant wird. Lieferantenqualifizierung dauert Monate; die jetzt geschlossenen Verträge sind genau die, die an diesen Quoten gemessen werden.
Auf türkischer Seite wächst das Angebot
Diese Verschärfung auf der Nachfrageseite fällt mit dem Ausbau der türkischen Sammelinfrastruktur zusammen. Das Pfandsystem (DOA), das am 1. Juli 2026 in allen 81 Provinzen startete, hatte bis zum 11. August über 100 Millionen Getränkeverpackungen der Verwertung zugeführt; rund zwei Drittel davon waren PET-Flaschen. PET aus einem Pfandsystem ist ein deutlich saubererer und besser rückverfolgbarer Input als Material aus gemischtem Abfall.
Der Unterschied betrifft nicht nur die Sauberkeit. Material aus einem Pfandsystem trägt einen bekannten Weg ab der Rücknahmestelle – genau jene Inputhistorie, die die neue Sortierzertifizierung erfassen soll. Ein sauberer Ballen senkt die Verarbeitungsverluste; ein dokumentierter Ballen macht die daraus entstehende Charge vor einem Auditor belastbar.
Während also die Dokumentationsanforderungen der EU steigen, wächst in der Türkei das Angebot an Rohstoff, der diese Dokumentation tragen kann. Bei lebensmitteltauglichem rPET-Granulat und hochreinen PET-Flakes öffnet der Schnittpunkt dieser beiden Kurven ein wichtiges Zeitfenster für Hersteller, die ihre Zertifizierung abgeschlossen haben.
Was in die nächste Ausschreibung gehört
Wer gerade eine Einkaufsspezifikation für Mengen des Jahres 2027 vorbereitet, kann vier Anforderungen jetzt kostenlos aufnehmen, die später teuer nachzurüsten sind: die Prozessregistrierungsnummer auf jeder Konformitätserklärung; chargenbezogene Analysenberichte standardmäßig statt auf Anfrage; dokumentierte Inputherkunft für die eingekaufte Materialklasse; und eine schriftliche Zusage, digitale Rückverfolgbarkeitsformate zu unterstützen, sobald sie verpflichtend werden. Lieferanten, die ohnehin so arbeiten, werden gegen keinen dieser vier Punkte etwas einzuwenden haben.
Quellen:
EU Proposes Amendments to Regulation (EU) 2022/1616 — REACH24H
RecyClass launches certification for plastic sorting processes
RecyClass Roadmap 2026-2028
New EU rules on packaging enter into application — European Commission


